Brauchen wir Klartext?

Ja, weil sonst alles in die Luft fliegt! Wenn Sie einen Schnellkochtopf unter Dampf setzen, dessen Ventil defekt ist, dann gibt es eine lebensgefährliche Explosion. Das widerfährt einer Gesellschaft, die wichtige Themen einfach ignoriert nach dem Motto: Worüber wir nicht reden, das gibt es auch nicht. Das mag man noch so klangvoll „Political Correctness“ nennen, in Wahrheit ist es die bewusste Leugnung von Realitäten — mit den genannten Risiken und Nebenwirkungen!

Klartext und Tabubruch wirken dagegen wie ein geöffnetes Ventil. Worüber man spricht, das bewegt und setzt in Bewegung. Man kann Luft ablassen und findet Energie, die Probleme anzupacken und zu bewältigen. Was man verschweigt und in sich hineinfrisst, schafft Bauchschmerzen, unter denen wir aktuell leiden.

Ich bin die (Un) Kultur des Vertuschens, Verschleierns und Verharmlosens leid. Wirksame Therapie bedarf einer schonungslosen Diagnose. Was für die Medizin gilt, stimmt erst recht für unsere Gesellschaft. Dennoch verweigern Politik, Wirtschaft und Wissenschaft heute klare Aussagen. Kein Wunder, dass Populisten Konjunktur haben, deren Tabubruch allerdings meist mehr Effekt als Effizienz bringt. Jenseits aller „PC“ über alles offen reden, das führt uns weiter. Andernfalls kommt der Knall, den wir nicht wollen können.

„Wir brauchen keine Wutbürger, sondern Mutbürger.“

Nur einige brennende Themen, die wir sträflich verweigern und die uns rat- und hilflos für die Zukunft machen: die bildungs- und Ausbildungskatastrophe und die dramatische Demografie. Immer weniger Jüngere müssen für immer mehr Ältere das Sozialsystem am Laufen halten, doch von denen sind immer weniger ausbildungsfähig. Das hätte man alles vor 30 Jahren wissen und entsprechend vorsorgen können, hätte man nicht das Tabu-Ventil zugedreht.

Oder die Themen Gesundheit, Pflege, Rentenalter. Immer weniger Menschen sollen immer mehr in immer kürzeren Zeiten produzieren, um den Sozialstaat zu finanzieren — diese Gleichung kann nicht aufgehen. Wie motivieren wir die Jungen, sich zu bilden? Woher bekommen wir Fachkräfte? Wie nutzen wir die wichtigste Ressource: die Lebenserfahrung und Herzensbildung der Senioren, ohne die keine Firma mehr (über-)leben kann? Wir müssen wieder zu Unternehmern werden, die ihren Namen verdienen. Mir gibt's zu viele Unterlasser!

Alle Welt fordert inzwischen Querdenker und Tabubrecher. Doch Vorsicht! Wer Klartext und Wahrheit will, muss das auch aushalten. Denn Wahrheit kann schwer sein, besonders die über sich selbst und sein Tun. Verdrängung führt zu ängstlichem Rückzug oder einer emotionalen Explosion. Eine zunehmende Stimmungs- und Zuschauerdemokratie ist die fatale Folge, die unsere Gesellschaft lähmt. Wir brauchen keine Wutbürger, sondern Mutbürger; keine Bedenkenträger, sondern Hoffnungsträger. Dazu ist Klartext die einzige Sprache, die verstanden wird.

Artikel aus: praxis aktuell, Das Unternehmermagazin der AOK Nordschwarzwald, 3/2011

Peter Hahne

Peter Hahne, Jahrgang 1952, ist einer der prominentesten und profiliertesten Hauptstadtjournalisten.

Der engagierte Christ, Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), ist Ehrenkomissar der Bayerischen Polizei und Bambi-Preisträger. Als gefragter Redner und Autor liefert er Klartext. Seine wöchentliche Kolumne in „Bild am Sonntag“ und seine Bestseller bieten Lebenshilfe und Werte.